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04.04.2003 / LOKALAUSGABE / BUER

1003 tauchte "Puira" auf

Erzbischof Heribert überschrieb Güter - 1147 zweite Nennung
Von Georg Meinert

 Mit der berühmten Urkunde Heriberts I. vom 1.April 1003 tauchte erstmals in des damaligen Erzbischofs von Köln einem Schriftstück der Ortsname "Puira" auf.
Dieses Dokument belegt eine Schenkung an die Benedektiner-Abtei Deutz, die kurz zuvor gegründet worden war. Mit den Übertragungen schuf man dem Kloster eine wirtschaftliche Basis. "Puira" wird in der Urkunde neben "Escuuilere" und "Antuuilere" (den heutigen Eschweiler und Antweiler) erwähnt. Aus Puira überschrieb Heribert der Abtei ein Besitztum und eine Pacht des Grafen Balderich, die bekannten "drei Hufen und den Zehnten von vier Hufen".

Für Heimatforscher Carl Heinrich Lueg gibt es gute Argumente, dass mit Puira (möglicherweise eine missglückte Schreibweise von "Buira") unser westfälisches Buer gemeint ist. Obwohl auch das rheinische Buir bei Kerpen Anspruch darauf erhebt, damit gemeint zu sein, vor allem deshalb, weil mit Eschweiler und Antweiler zwei Orte in der Nachbarschaft Buirs erwähnt wurden. Buers Heimatforscher sehen das anders. Sie weisen zunächst einmal darauf hin, dass die Urkunde zwar auf den 1. April 1003 datiert, aber erst im 12. Jahrhundert angefertigt worden ist. Es handelt sich um eine Abschrift, die möglicherweise in einem Streit um Zehntrechte bewusst abgefasst wurde, um zu manipulieren. Wahrscheinlich hat man bei der Anfertigung zwar auf eine ältere Vorlage zurückgegriffen, aber deren ursprünglichen Text verfälscht. Sechs Gründe weisen, so Lueg, bei der Deutung des Namens Puira zudem eher auf das westfälisches Buer hin.
1. Bei der Verfälschung der Urkunde können Besitztümer weggelassen worden sein - so auch welche im westfälischen Raum (bei einer späteren Auflistung der Deutzer Ländereien findet man z.B. neben dem 1003 genannten Gut in Antweiler dort auch eine Kirche, die übertragen wurde).
2. Es gibt weitere Urkunden, in denen weit auseinander liegende Orte gleichzeitig genannt werden (z.B. eine Urkunde von 1020, in der Gladbeck zusammen mit Heumar genannt ist).
3. Die Schenkung in Puira grenzt sich von denen aus Eschweiler und Antweiler ab, da sie unmittelbar durch den Grafen Balderich erfolgte und nicht durch den Erzbischof von Köln.
4. Die Abtei Deutz besaß später "umfangreichen und dicht gestreuten Besitz" im Vest Recklinghausen, darunter Besitz, der zuvor dem Grafen Balderich gehörte.
5. Die Abtei Deutz übte Patronatsrechte in Buer aus - nicht jedoch in Buir.
6. Und vor allem: In einer Urkunde von 1147 bestätigt und garantiert Papst Eugen III. die bis dahin erfolgten Schenkungen an die Abtei Deutz. Er nennt zwar u.a. die Kirchen in Eschweiler und Antweiler, aber keine Besitzungen in "Puira". Stattdessen führt er eine "ecclesiam Buron" auf. Dass dieses Buron das westfälische Buer ist, wird kaum bestritten, zumal es nicht neben Eschweiler und Antweiler, sondern an einer ganz anderen Stelle der Urkunde, nämlich in einer Reihe mit westfälischen Orten wie Datteln, Waltrop und Kirchhellen Erwähnung findet. Die Vermutung liegt nahe, dass das "Puira" der Urkunde von 1003 mit dem "Buron" der Urkunde von 1147 und somit mit Buer identisch ist (es ist damit Buers zweite urkundliche Erwähnung).  Daraus lässt sich schlussfolgern, dass es spätestens 1100 in Buer eine Kirche gegeben haben muss, da sich solche Papsturkunden meist auf Rechtsakte bezogen, die schon einige Jahrzehnte Bestand hatten. Wenn es aber um 1100 eine Kirche in Buer gegeben hat, dann muss die Besiedlung des Einzugsgebietes noch einige Zeit früher erfolgt sein. Denn eine Kirche wurde nur dort erbaut, wo man sie benötigte. Heimatforscher Hugo Vöge datiert diese erste Kirche (einen Holzbau) auf das Jahr 1019, als Heribert in einer Bestätigungsurkunde an Deutz erneut auch wieder eine Besitzung in Puira auflistet.

Auch die spätere Benennung der buerschen Kirche nach dem Hl. Urbanus ist ein weiteres Indiz, dass offenbar Buer in Heriberts Urkunde gemeint war. Bei den Deutzer Mönchen war der Reformpapst Urban II. (1088 bis 1099) so etwas wie ein Hausheiliger geworden. Sie benannten nach ihm die Pfarrkirche in Deutz. Und von daher liegt es nahe, dass sie auch ihre Kirche in Buer diesem Patron weihten.

 

18.04.2003 / LOKALAUSGABE / BUER
Singendes Buir pflegt viele schöne Bräuche

1000 Jahre Buer, Die Namensvettern von Georg Meinert

Im Nachbarort drehte einst Michael Schumacher seine ersten Runden. Mit einem eigenen "großen Sohn" kann Buir zwar nicht aufwarten, doch von dem "Schumi-Ruhm", in dem sich Kerpen sonnt, fällt ein kleines Stück auch auf Buir - schließlich gehört der rheinische Ort seit 1975 zur "Schumi-Stadt". Die WAZ schaute sich in Buir, dem Namensvetter Buers, einen Tag um.
Das erste, auf das man trifft, wenn man die A-4-Ausfahrt Buir (sprich: "Bür") abfährt - das ist eine Kart-Bahn, und natürlich Werbung, die mit dem Namen des Rennfahrers lockt. Vom wahren Schumi indes weit und breit keine Spur...
"Die Autobahnabfahrt wird es bald nicht mehr geben", klagt wenige Minuten später, in Buir angekommen, Hedi Reintgen-Cremer, die Ortsvorsteherin des 4000-Seelen-Ortes. Und kommt sofort auf ,das´ Thema in Buir zu sprechen: Den Braunkohle-Abbau und die Autobahnverlegung. Im Zuge des A-4-Ausbaus, der bereits zwischen Kerpen und Köln begonnen hat, soll die Autobahn wegen der Braunkohlegewinnung verlegt werden - vor die Tore Buirs. Zur Zeit ist sie gut drei Kilometer entfernt, in wenigen Jahren geht sie, zwar in Tieflage, aber in nur 400 Meter Abstand und ohne eigene Anschlussstelle an Buir vorbei. Und bis an die neue Autobahn sollen ab 2017 die riesigen Radschaufelbagger vorrücken. "Sollen", so Hedi Reintgen-Cremer, denn längst hat sich in Buir und Umgebung eine Bürgerinitiative gebildet, die den Abbau von Buir weit weg halten will. Und rechtskräftig sei noch nichts. Die A-4-Verlegung kann man aber nicht mehr verhindern.
Trotz allem, so die agile Ortsvorsteherin, lassen sich die Buirer die Stimmung nicht vermiesen.Oft und gern werde gefeiert und gesungen - Buir versteht sich mit sechs Chören und fast 200 Sängern als das "singende Dorf". Karl Barbier, alter Buirer und ehemaliger Lehrer, sei Dank: Vor langer Zeit gründete er einen Chor nach dem anderen und schuf damit die Basis für das musikalische Buir.
Jährlich werde Schützenfest gefeiert, versichert Hubert Dahmen, Chef der St. Sebastian Schützenbruderschaft Buir 1658, natürlich mit 250 Mitgliedern größter Verein am Ort. Am zweiten Juli-Wochenende ist´s wieder soweit. Dreh- und Angelpunkt ist der Festplatz - im Grüngebiet mitten im Ort. Fürs Üben träumen die Schützen vom eigenen Vereinshaus, einstweilen muss der Keller der Buirer Schule dazu herhalten. Zarte Bande haben die Buirer Schützen zu denen in Buer geknüpft. Dahmen: "Mal sehen, was daraus wird." Zum Festzug beim 1000-Jahr-Fest wollen die Buirer auf jeden Fall zum ersten Mal nach Buer kommen, verspricht Dahmen.
Schon im Mai steht in Buir das Maifest an, wobei sich bereits im Vorfeld, erzählt Marianne Vaaßen, Landschaftswart in Buir, Entscheidendes tue: In der Nacht zum 1. Mai, wenn "das halbe Dorf" zum Maibaum-Aufstellen zusammenkommt, werden die jungen Mädchen des Dorfes einem alten Brauch entsprechend "versteigert". Mitsteigern können Jungen ab 15. Diese "Maipaare" schmücken das Dorf eine Frühlingssaison lang. "So manche Ehe entstand dabei schon", weiß Marianne Vaaßen.
Viele Traditionen und Bräuche gibt es in Buir, das im Juni - wie Buer - 1000-jähriges Bestehen feiert. Dass Buer sich auf die gleiche Urkunde und die gleiche Namensnennung (Heriberts "Puira") stützt, nimmt man in Buir gelassen. Vom 13. bis 15. Juni geht´s rund in Buir. Allen Zweifeln an der Urkunde zum Trotz. Von Rivalität keine Spur: Buer wird Buir - in persona von Konrad Herz - zum Jubiläum eine buersche Linde spendieren. Treibende Kraft der Buirer 1000-Jahr-Feier: Ortsvor-steherin Reintgen-Cremer.
Die 54-jährige CDU-Politikerin hält seit ´99 als Repräsentantin der Ortspolitik in Buir die Stellung, ist direkt dem Kerpener Bürgermeister unterstellt. Buir ist mit drei Stadtverordneten im 51-köpfigen Rat der Stadt Kerpen (der dem Erftkreis angehört) vertreten - seit der letzten Kommunalwahl knapp CDU-dominiert. "Bis 1975 war Buir selbstständige Gemeinde", so die seit 1987 im Rat sitzende Politikerin. Mit der Eingemeindung hätten sich aber immer noch nicht alle Buirer angefreundet, gibt sie zu. Und weist stolz auf die Vorzüge der Gemeinde hin, in deren Zentrum die 1896 auf dem Kirchberg erbaute St.-Michaels-Kirche steht: Eigene Grundschule, Jugendzentrum, zwei Kindergärten, neues Wohngebiet, gute Einkaufsmöglichkeiten, vier Gasthäuser. Der Bau eines Vereinshauses hat gerade begonnen, der einer Turnhalle ist geplant. Und mitten im Ort, im ehemaligen Krankenhaus, befindet sich das Alten- und Pflegeheim St. Josef, das durch verschiedene Veranstaltungen den Anschluss ans Dorf sucht und findet. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in Buir, es gibt 30 Vereine, ist groß, freut sich die Ortsvorsteherin. Selbst die Jugend fühle sich in Buir pudelwohl, versichert Markus Kessel, 20-jähriger Zivi in St. Josef.
Zwar ist Buir ländlich geprägt, doch die Landwirtschaft ist nicht dominant. Nur noch sieben große Bauernhöfe gibt´s im Umkreis, so Reintgen-Cremer. Eine Kiesgrube und etwas kleinteiliges Gewerbe bieten außerdem einige Jobs. Dazu kommt das Altenheim mit allein 110 Mitarbeitern. Der überwiegende Teil der Buirer pendelt nach Köln zur Arbeit. "Alle 20 Minuten geht von unserem neuen Bahnhof die S-Bahn, in 20 Minuten ist man dort." Buir - das ist das erholsame "Wohn-Dorf" im Kölner Einzugsgebiet.
Damit Buir grün und so erholsam bleibt - darum kümmert sich auch "Eulen-Schorsch", wie die Buirer ihren Pfarrer Georg Neuhöfer liebevoll nennen. Er pflegt seit vielen Jahren Flora und Fauna, versucht vor allem, seltene Vogelarten in Buir heimisch werden zu lassen. Mit Erfolg: Steinkäuze, Eulen und Turmfalken ziehen seit geraumer Zeit ihre Kreise über Buir. Und mit Eulen-Schorsch hofft Buir, dass es noch lange so bleibt.
Cremer vor Buirs ältestem Gebäude, einem Gut, dessen Wurzeln als Anstelburg bis ins Jahr 1363 zurückreichen.

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